Die Musikbranche ist schnelllebig. Hat eine Band ein erfolgreiches Debütalbum am Markt, dauert es bis zum Nachfolger oft nicht lange. Dann erschrickt der Hörer aber manchmal angesichts der schnell und lieblos produzierten Musik. Anders bei „Boy“: Das Duo Sonja Glass und Valeska Steiner brachten 2011 ein sehr erfolgreiches Debütalbum raus und es wurde wieder etwas ruhiger um die beiden, bis sie sich aktuell mit ausverkaufter Tour und zweiten Album zurückmeldeten. Warum es so lange gedauert hat, erzählt mir Valeska.

 BEWÄHRTES ERHALTEN, NEUES GESTALTEN


Valeska, es ist toll, dich persönlich zu sprechen, denn ich wollte dich schon immer wegen auf deine auffällige Handgestik beim Singen …
Oh nein!

Wirst du oft darauf angesprochen?
(Lacht) Bis jetzt noch nicht!

Du weißt aber, was ich meine?
Ich fürchte ja! Ich klatsche beim Singen mit einer Hand den Takt mit. Ich habe wohl immer Angst, dass ich den Text vergesse und das hilft mir. Aber ich werde versuchen, es mir abzugewöhnen. (Lacht)

Auf keinen Fall! Das ist doch charmant. Wo erwische ich dich eigentlich gerade?
Zuhause in Hamburg.

Ach, wie schön! Ich dachte, dass die Tourvorbereitungen schon auf Hochtouren laufen.
Nee, die Tour geht ja erst im September los. Wir hatten allerdings schon ein paar Promo-Auftritte. Momentan proben wir noch und das passiert hier in Hamburg.

Ich habe auch versucht Karten für euch zu bekommen, aber ihr ward ja rasend schnell ausverkauft.
Das hat uns auch ziemlich überrascht, aber wir haben uns natürlich auch echt gefreut. Wenn es mir für dich persönlich auch leid tut.

Nö, alles gut! Ich habe noch Karten für eine spätere Show im November bekommen.
Das ist doch gut, da sind wir schon richtig eingespielt.

Heißt das, dass ihr bei den ersten Auftritten noch ordentlich Fehler macht?
(Lacht) Schauen wir mal. Wir proben ja gerade, damit das nicht passiert.

Ich habe euch schon zweimal in Münster gesehen …
Ah, im Skater’s Palace und am Strand.

Strand? Nee, im Skater’s Palace und auf einem Festival vorm Schloss.
Ach so das! Ich dachte du meinst Coconut Beach – da haben wir nämlich auch einmal gespielt. An das Schloss erinnere ich mich auch, da hat es tierisch geregnet.

Warum kommt ihr dieses Jahr nicht nach Münster?
Das war mir ehrlich gesagt bis jetzt gar nicht bewusst. Wir bekommen den Tourplan von unserer Booking Agentur … Es tut mir sehr leid, dass Münster nicht dabei ist. Dort hat es mir immer gut gefallen.

Apropos: Ich hatte schon vor der Veröffentlichung die Gelegenheit euer neues Album „We Were Here“ zu hören und das hat mir auch sehr gut gefallen.
Vielen Dank! Das freut mich.

Ihr habt euren Stil hörbar weiterentwickelt …
Ja, das ist auch unsere Hoffnung. Wir wollen ja nicht das Gleiche nochmal machen. Aber schön, dass du das hörst. (Lacht)

Euer neuer Sound wurde einmal als „nächtliches Lichtermeer“ beschrieben, wohingegen euer letztes Album als „Spätsommerpop“ bezeichnet wurde. Was kommt da als nächstes?
Für mich sind wir mit dem neuen Album mehr in der „blaue Stunde“ angekommen – es könnte also noch die richtige Nacht kommen.

War eine solche Entwicklung Absicht oder Zufall?
Das hat sich beim Schreiben entwickelt. Wir haben geschaut, was passiert und am Ende beim Anhören gedacht: „Ach so ein Album ist das jetzt.“ Von der Stimmung waren wir selbst überrascht. Klar war uns nur, dass wir musikalisch einen Schritt weitergehen wollten.

Ist „We Were Here“ auch biografischer geworden?
Nein, eigentlich nicht. Wir waren schon beim ersten Album sehr vom eigenen Leben inspiriert. Das hat sich nicht verändert.

Euer Debütalbum „Mutul Friends“ liegt vier Jahre zurück. Zwischenzeitlich seid ihr durch die USA und Japan getourt. Habt ihr währenddessen schon an neuer Musik gearbeitet?
Wir haben auf jeden Fall über neue Songs nachgedacht, aber mit dem Schreiben erst nach der Tour begonnen. Dafür war es eine zu intensive Zeit. Sonja und ich haben schnell gemerkt, dass wir beide zum Songschreiben Zeit und Ruhe brauchen.

Ich habe gelesen, dass ihr räumlich getrennt voneinander arbeitet. Sonja macht die Musik und du die Texte …
Richtig, Sonja schreibt in ihrem Home-Studio immer zuerst die Musik, die sie mir dann schickt und ich suche Texte dazu, die ich ihr zurückschicke. Das hat sich für uns als gutes System bewährt. Daran haben wir auch dieses Mal nicht wirklich etwas geändert.

Bewährtes erhalten, Neues gestalten.
Ganz genau. Obwohl wir auch Lust hatten es anders zu probieren, sind wir am Ende wieder dabei gelandet.

Habt ihr trotzdem experimentiert?
Es gibt den Song „Flames“, der ist schon anders: Sonja hat dafür den Text und die Musik geschrieben. Nur wollte sie ihn nicht allein performen, somit singen wir bei diesem Lied erstmals zu zweit.

Hast du eigentlich noch Lampenfieber?
Sogar extrem! Schließlich haben wir jetzt eineinhalb Jahre nicht mehr gespielt, außer den paar kleinen Promo-Konzerten im Juni. Und die waren auch schon wahnsinnig aufregend! Aber jetzt wieder mit der ganzen Band vor vielen Menschen … Ich hoffe, das ist wie Fahrradfahren. Wenn ich mir Fotos von Festivals anschaue, auf denen wir gespielt haben, dann ist das wirklich abstrakt und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich dort auf der Bühne gestanden habe.

Ihr habt jetzt weltweite Bühnenerfahrung. Sind Auftritte in anderen Ländern anders?
Es gibt schon Unterschiede, die uns aufgefallen sind. In Amerika hatten wir das Gefühl, dass im Publikum mehr gequatscht wird – aber nicht auf unangenehme Art oder dass sie unaufmerksam wären. Es wird mehr reingerufen und es gibt einen größeren Austausch mit dem Publikum, vielleicht weil die englischen Texte noch unmittelbarer verstanden werden. Das hat uns aber Spaß gemacht und war lustig.

Wie war es in Asien?
Das komplette Gegenteil. In Japan standen wir auf der Bühne und haben Scherze gemacht, aber niemand hat gelacht – es war absolut still! Wir dachten also, dass wir überhaupt nicht ankommen und es gar nicht gut läuft. Als das Konzert aber vorbei war, gab es ein Meet & Greet mit dem Publikum und wir wurden von einer Welle von Herzlichkeit überschwappt. Das war wirklich sehr rührend und überwältigend. Die Stille während des Konzerts ist vielmehr Höflichkeit und Respekt.

Welches war deine schlimmste Tour-Erfahrung?
Gute Frage … Es ist vielleicht ein gutes Zeichen, dass mir auf Anhieb nichts einfällt. Es gab sicherlich absurde Situationen, aber wirklich schlimm war es bei uns nie. Ich sollte auf Holz klopfen …

Wenn du an eurer Musik arbeitest, hörst du dann noch andere Künstler?
Ja, ich höre dann schon noch gern Musik. Sonja ist da glaube ich anders. Wenn sie sich den ganzen Tag mit Musik, Tönen und Harmonien beschäftigt würde es ihr zu viel werden. Vielleicht ist es durch unsere unterschiedlichen Rollen für mich entspannter. Ich höre dann aber auch Sachen, die ganz anders sind, als unsere eigenen.

Zum Beispiel?
Ich hatte eine Phase in der ich beim Schreiben viel „Rage Against the Machine“ gehört habe. (Lacht) Aber ich höre auch gerne instrumentale Sachen. Vielleicht weil ich dann beim Texten nicht allzu sehr von anderen Künstlern abgelenkt werde.

Wieso habt ihr euch eigentlich „Boy“ genannt? „Girls“ wäre doch nahliegender gewesen.
Aber auch langweiliger. Es war wirklich nur einer der möglichen Bandnamen auf einer Liste, als wir noch gesucht haben. Letztlich hat „Boy“ uns einfach am besten gefallen. Eine wirklich spritzige Geschichte kann ich dir leider nicht anbieten. Wir hätten uns vielleicht noch eine dazu ausdenken sollen … (Lacht)