Die meisten von uns würden die Frage nach den bisherigen Lebensabschnitten vermutlich sehr ähnlich beantworten: erst die Kindheit, dann die Schulzeit, gefolgt von Ausbildung oder Studium und dem Einstieg ins Berufsleben. Michael Patrick Kelly bricht aus diesem bekannten Schema ein wenig aus. Als "Paddy" begeisterte er im Teenie-Alter mit seiner Familie weltweit Millionen von Menschen, als Bruder John Paul Mary lebte er sechs Jahre zurückgezogen in einem Kloster, um 2010 unter seinem bürgerlichen Namen ins Musikgeschäft zurückzukehren. Es ist also kein Wunder, dass ihn eine Frage ganz besonders beschäftigt:

EINE FRAGE DER IDENTITÄT


Wer bist du?
(Lacht) Das ist eine sehr gute Frage und darauf gibt es viele Antworten. Letztlich bleibt der Mensch wohl ein Mysterium.

Bitte versuche es trotzdem.
Nun, jeder Mensch ist einzigartig und es ist sicher falsch jemanden auf eine oder wenige Aspekte zu reduzieren. Wenn ich es versuchen muss: Privat bin ich Ehemann, beruflich Musiker, bürgerlich bin ich Ire und Amerikaner und religiös bin ich Christ.

Da du dein neues Album "iD" betitelt hast, wirst du dich doch sicher mit der Frage nach der eigenen Identität auseinandergesetzt haben?
Meine Zeit im Kloster hat mir geholfen
frei von Tun und Haben, das tiefere Selbst zu entdecken - den inneren Menschen. Das hat mir sehr gut getan. Ich bediene mich gerne einer Metapher: Ich kann ein Bild betrachten, es schön finden und mir überlegen was es bedeutet, aber erst wenn ich den Maler frage was er sich dabei gedacht hat oder was es ihm bedeutet, kann ich das Bild ganz verstehen. So war es für mich im Kloster - es ist einfach eine andere Dimension und für mich gibt es über den körperlichen Aspekt hinaus eine Seele. Diese ist einerseits Leben, aber auch Identität: die "iD".

In der Psychologie heißt es, dass man aus seinem Umfeld Merkmale annimmt, um seine eigene Persönlichkeit auszubilden: Fremdbestimmung oder Zuschreiben, die man selbst nutzt um seine Identität zu entwickeln. War die Zeit im Kloster für dich identitätsstiftend?
Ich glaube, dass es drei Dinge gibt, die eine menschliche Identität ausmachen: Das eine ist die Veranlagung, die man von den Eltern bekommt: Talent, Fähigkeiten aber auch Temperament und Charakterzüge. Das Zweite sind die Lebensumstände, die von außen auf dich zukommen: Wo du groß wirst, in welche Schule du gehst, deine Kultur oder deine Sprache. Ich war heute z.B. in Köln und die Kölner haben ihre ganz eigene Art, wie es die Münsteraner sicher auch haben ...

Wir sind Sturköpfe!
(Lacht) Ja, siehst du! Und die dritte Art, die eine Identität ausmacht sind die Entscheidungen, die du im Leben triffst. Das kann beruflich oder privat sein. Etwas wofür oder wogegen man sich entscheidet.

Und darum geht es in deinem Song "iD".
Ich lebe aktuell in Niederbayern und da sagen die Leute immer "Mia san Mia". Nun denke ich, dass man viel mehr ist als der Akzent, das Land oder die Kultur: Wir sind alle Menschen! Das ist das gemeinsame Element und das ist es auch, worum es in diesem Song geht: "Who am I? Who are you? Who are we?" Wo sind die Gemeinsamkeiten und wo sind die Einzigartigkeiten?

Wir leben gerade in einer sehr turbulenten Zeit, die stark von Ängsten beeinflusst wird. Glaubst du, dass in dieser Zeit Identitäten entstehen, die es sonst nicht gegeben hätte?
Ich glaube schon, dass der Zeitgeist gerade sehr verwirrend ist. Die "iD" von Europa ist z.B. durch den Brexit im Umbruch und die der USA durch Donald Trump.

Du hast das Album in London aufgenommen. Warst du dem Zeitgeist dort näher?
Es gab die Situation, dass nur ein paar Kilometer vom Studio entfernt, ein Terroranschlag stattgefunden hat und du dich fragst, ob es nun richtig ist trotzdem weiter zu singen. Aber die Stadt London hat eine Steh-auf-Mentalität und lässt sich nicht unterkriegen - das inspiriert. Es ist ein bisschen wie bei der Titanic, wo die Musiker spielen, als das Schiff sinkt. Es fühlt sich komisch an, aber Musik hat diese Kraft Menschen zu helfen, wenn sie orientierungslos sind. Das ist auch der Punkt, wo wir Musiker unsere Rolle in der Gesellschaft verantwortungsvoll umsetzen müssen: Die Kunst wird die Welt vielleicht nicht retten, aber sie kann auf jeden Fall dazu beitragen, dass es eine bessere Welt wird.

Und kann helfen die Angst zu nehmen?
Auf jeden Fall! Angst kann paralysieren, deshalb bin ich auch ein Mensch, der immer in der Hoffnung lebt und in der Freiheit Dinge zu entscheiden.

Welche Hoffnungen hegst du als Musiker?
Meiner Meinung nach gibt es nur wenig Möglichkeiten Menschen in der Gesellschaft zu verbinden: Im Fußballstadion geht immer eine Hälfte sauer nach Hause und in der Politik und Religion scheiden sich ebenfalls die Geister. In der Musik besteht allerdings eine große Chancen Menschen zu verbinden, die sonst auf anderen Ebenen nicht zusammenfinden. Auch darum geht es in "iD", dass man sich gegenseitig so akzeptiert wie man ist: "You can be you and I'll be me." Anders sein kann ja auch eine Bereicherung sein auch wenn ich jetzt nicht behaupte die Lösung für unsere Probleme zu haben.

Das kann ja niemand von sich behaupten.
Die Probleme sind zu komplex. Aber ich glaube schon, dass die Musik diese Kraft haben kann.

Apropos "komplex": Du verbindest auf deinem Album diversen Arten von Musikrichtungen. 
Im Grunde gibt es zwei Ebenen auf diesem Album: Die Texte und die Musik. Folk und Pop-Rock sind schon immer meine Genres gewesen, aber nun bin ich einige neue Wagnisse eingegangen: ein wenig Soul, ein paar modernere Elemente. Textlich ist es eine Auseinandersetzung mit der Frage nach Identität: Der eigenen und der von anderen.

Sind Paddy Kelly und Michael Patrick Kelly eigentlich zwei unterschiedliche Musiker?
(Lacht) "Paddy" ist nach wie vor mein Spitzname und meine Freunde nennen mich so. Ich habe "Paddy" also nie abgelegt, aber es fühlte sich für mich richtig an, zu meinem eigentlichen Namen zurückzukehren. Mit dem "Paddy" verbinde ich eine andere Epoche, für die ich sehr dankbar bin.

Hat diese Phase bei dir auch etwas kaputt gemacht?
Das würde ich nicht sagen, aber ich habe sehr viel lernen müssen. Es war ja auch eine sehr krasse Zeit! Nimm allein die Dimensionen des Erfolges, damit muss man erstmal umgehen können. Nun sind manche Menschen sensibler als andere und sicherlich gehen einige daran auch kaputt oder zerstören sich.

Wie Kurt Cobain ...
... oder gerade erst Chris Cornell! Darüber habe ich auch den Song "Requiem" geschrieben. Ich hatte eine sehr dunkle Phase in den 90er Jahren und habe Gott sei Dank die Kurve gekriegt. Auch wenn es komisch klingt, aber nachträglich bin ich dankbar für diese Krise, weil sie mich auf wichtige Fragen gebracht hat.

Fragen des Glaubens? Schließlich bist du kurz darauf ins Kloster gegangen.
Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Erlösung und es war für mich eine Suche nach der Wahrheit.

Warst du zuvor bereits ein religiöser Mensch?
Ich bin zwar in einer irisch-katholischen Familie groß geworden, aber wir haben die Religion nicht gelebt in dem wir zur Kirche gegangen sind oder vor dem Essen gebetet haben. Erst mit Anfang 20 habe ich mich einerseits für Religion interessiert und andererseits habe ich mir einen guten Therapeuten geschnappt und ein paar Mal die Woche die "Bude aufgeräumt". (Lacht) Im Kloster habe ich dann begonnen Theologie und Philosophie zu studieren, vier bis fünf Stunden am Tag zu beten und mich mit den Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Auch nach der Frage der Identität, um den Bogen wieder zu schlagen.

Wieso kam die Frage nach deiner Identität immer wieder auf?
Ich bin jemand der keine Wurzeln hat. Ich bin in keinem Ort und keiner bestimmten Kultur groß geworden. Deshalb habe ich immer wieder ein zuhause und mein "Ich" gesucht.

Wenn man sechs Jahre im Kloster gelebt hat, ist die Rückkehr in die Gesellschaft dann nicht unheimlich "laut" und verstörend?
(Lacht) Ich habe ein gutes Jahr gebraucht, um überhaupt wieder im weltlichen Leben anzukommen. Erst danach habe ich auch wieder angefangen öffentlich aufzutreten. Vor allem im ersten Jahr war es ein bisschen wie ein Kulturschock: Du bist sechs Jahre weg und plötzlich kommunizieren alle über Soziale Medien und solche Dinge... Das ist ein bisschen wie bei einer Zeitreise gewesen! (Lacht) "Laut" trifft es ganz gut. "Laut" und sehr schnell!

Ist dein Leben in der Öffentlichkeit durch derartige Entwicklungen unangenehmer geworden?
Verstehe mich bitte nicht falsch und es ist überhaupt nichts gegen unser Gespräch, aber im Studio zu sein oder auf der Bühne zu stehen - das liebe ich! Promotion und der ganze Medienzirkus, der zwischen der Arbeit im Studio und einer Tour passiert... Das ist für mich, wie wenn du morgens auf dem Weg zur Arbeit im Stau stehst. Es ist der saure Apfel, in den man beißen muss! Das Schönste ist für mich auf der Bühne zu sein - da bin ich der Fisch im Wasser!

Ist "Sing meinen Song" dann eine Art Mittelding: Promotion der angenehmen Art?
In erster Linie ist diese Sendung für einen Musiker ein Traum! Ich möchte jetzt kein Namedropping machen, aber ich habe die Bühne mit Michael Jackson geteilt und mit Pavarotti, Joe Cocker oder Lionel Richie gesungen... Aber die Zeit mit meinen Kollegen in Afrika hat mir so viel gegeben!
Dort musst du als Musiker deine "comfort zone" verlassen und merkst plötzlich, dass du noch mehr kannst wie z.B. auf Deutsch zu singen!

Und das war sehr gut! Werden wir nun häufiger deutsche Lieder von dir hören?
(Lacht) Ich glaube nicht! Aber "Flüsterton" von Mark Forster habe in meinen Bühnenprogramm aufgenommen, weil ich den Text so gut nachvollziehen kann. Eine deutsche Platte wird es von mir aber nicht geben - ich bleibe bei meiner Muttersprache!

Was hat dich in dieser Zeit in Afrika besonders beeindruckt?
Da kamen viele Sache hoch... Moses Pelham hatte früher eine Platte von mir, Stephanie Kloß hat als Zehnjährige "An Angel" rauf- und runtergehört und singt ihn nun, 25 Jahre nachdem ich den Song geschrieben habe. Da wird dir an einem Abend dein ganzes Leben nochmal vor Augen geführt. Jedes Lied ist eine Dokumentation deiner eigenen Zeit. Ich bin echt nicht nah am Wasser gebaut, aber das war heavy! (Lacht)

Alec von "The Bosshoss" hat mir vor der Aufzeichnung der Sendung erzählt, dass seine Nervosität und Anspannung vor mindestens genauso groß seien, wie seine Vorfreude.
Man ist vor den Kollegen teilweise aufgeregter als vor dem eigenen Publikum - es ist ein sehr hoher Anspruch. Aber das ist gut und wenn man z.B. den Anfang eines Liedes verkackt, hat auch jeder Kollege Verständnis.

Wie muss man sich den Umgang untereinander dort vorstellen?
Es ist einfach schön: Man redet miteinander, trinkt auch mal ein Glas, die Musik trifft Emotionen und man lernt sich immer besser kennen und öffnet sich. Gentleman meinte, es sei ein bisschen wie Gruppentherapie und Mark Forster kam sich vor, als würde wir uns gegenseitig unsere Tagebücher vorlesen. Die Zuschauer denken vermutlich: "Warum kuscheln die die ganze Zeit und heulen so rum?" Aber wenn du da bist und das erlebst...

Ich hatte den Eindruck, dass es echt sei, was man dort sieht. Das tut gut bei den ganzen geskripteten Formaten im Fernsehen.
Das ist richtig! Wir sind keine Schauspieler. Klar laufen da Kameras, aber die meiste Zeit vergisst du das. Ich habe oft gesehen, wie Menschen auf meinen Konzerten zu Tränen gerührt waren - und jetzt war ich dran! (Lacht) Gentleman hat mich zum Heulen gebracht und ich ihn und das bringt einen näher. Du merkst, dass der Andere dein Lied und vor allem dich verstanden hat.