Da gibt es diesen kleinen Ort auf Usedom namens Zinnowitz. Musikalisch sicherlich nicht vergleichbar mit Memphis, Tennessee, hat diese Lokalität dennoch zwei bedeutende Personen für die deutsche Musikszene hervorgebracht: Jennifer Weist und Johannes "Joe" Walter - Gründer der Rockband "Jennifer Rostock". Die beiden erzählen mit gemeinsam mit Bassist Christoph. warum es wichtig ist, sich nicht zu verstellen. Auch wenn darunter vielleicht der Erfolg leidet - und weshalb ein Produzent, der die Songtexte nicht versteht, von Vorteil ist.

EIN KURIOSER MIX

 

Jennifer, wie oft wirst du als "Jennifer Rostock" angesprochen?
Jennifer: Gar nicht mehr oft. Wieso, willst du das jetzt machen?

Nee, aber ich versuche, die dümmste Frage zu Beginn eines Interviews zu stellen.
Jennifer: Mittlerweile wissen die Meisten, dass ich mit Nachnamen nicht "Rostock" heiße.

Was war die blödeste Frage, die euch gestellt wurde?
Jennifer: Schon deine! (Lacht) In letzter Zeit hatten wir eigentlich ganz gute Interviews - bis scheinbar jetzt.

Jan Delay hat mir mal erzählt, dass er Musik in "Penis- und Dicke-Titten-Sound" unterteilt, also in harte sowie sehr weiche Klänge. Wo würdet ihr euch sehen?
Joe: Wenn beides ineinander geschoben wird. (Lacht)

Jennifer: Aaaahhh! Dann sind wir der Tittenfick der Musikszene!

Ist doch auch ein schöner Albumtitel!
Jennifer: Nee!

Aber ihr versucht doch auch zu polarisieren.
Jennifer: Wir versuchen nix.

Joe: Es gibt Leute, die sich an uns stoßen oder halt nicht.

Jennifer: Ich kann auch nicht anders. Wenn ich auf der Bühne etwas sage, dann weil ich nicht anders kann - weil es in mir brennt - und nicht, weil ich mir im Vorfeld überlegt habe: "Ich mache jetzt mal etwas Sexuelles, da fahren die Leute doch drauf ab!" Es ist eher das Gegenteil ...

Wie meinst du das?
Jennifer: Ich musste teilweise schon Diskussionen führen ... z.B. mit Feministinnen.

Du musstest dich dafür rechtfertigen, wie du bist?
Jennifer: Genau. Die fanden nicht gut, was ich auf der Bühne mache, meinten, ich würde kleine Mädels dazu anhalten, ihre Brüste zu zeigen. Ich habe da eine etwas andere Einstellung, aber dann muss man sich halt auch immer erklären. Es gab auch mal eine Petition besorgter Eltern wegen unseres Alkoholkonsums - deshalb werden wir auch nicht mehr auf 1Live gespielt.

Ernsthaft?
Jennifer: Ja, die sind wohl mit dem Thema durch.

Ist das denn so schlimm?
Jennifer: Es ist schon der Pott-Sender ...

Joe: Und NRW-Meinungsmacher, was Popmusik angeht. Außerdem machen die dir auch die Konzerte voll.

Jennifer: Deswegen haben wir auch keine vollen Konzerte. (Lacht) Wir hätten sicherlich mehr Erfolg, wenn wir "weichgespülter" wären, aber dann müssten wir uns verstellen. Das ist nicht unser Ding, das hätten wir auch die letzten Jahre nicht durchgehalten.

Joe: Und war von vornherein klar, dass wir uns nicht verbiegen wollen. Trotzdem mussten wir uns auch finden.

Christoph: Rein musikalisch sind wir ja die ganze Zeit in einer Entwicklungsphase. Wir kommen also an keinem Ziel an. Das liegt sicherlich auch daran, dass jeder von uns unterschiedliche Musik hört und mag. Es kommen also ständig neue Einflüsse hinzu.

Jennifer: Man weiß nie, wo die Reise hingeht ...

Aber wo sie herkommt: Ihr wart bei GZSZ, dem Bundesvision Song Contest ...
Jennifer: Das steht alles auf unserer Liste: "Nicht mehr machen!"

Warum?
Jennifer: Haben wir ja gemacht. Reicht ja jetzt! (Lacht)

Bei Markus Lanz warst du aber auch häufiger in der Talkshow.
Jennifer: Lanz ist auch okay.

Ich mag den gar nicht!
Jennifer: Kann ich auch gut verstehen. Aber ich beurteile Menschen danach, wie sie zu mir sind und Lanz war immer super nett. Ich habe mich sehr gut mit ihm verstanden. Bei anderen Sendungen kann ich es aber sehr gut nachvollziehen, dass man ihn da weghaben wollte. Verstehe ich auch. Zu mir war das aber ein ganz toller Mensch.

Aber in jeder Sendung ging es ausschließlich um deine Tattoos ...
Jennifer: Das muss ich aber leider auch woanders häufig über mich ergehen lassen. Das ist dann halt so.

Christoph: Bei "Lanz" muss man auch überlegen, wer das schaut.

Meinst du, das ZDF muss sich dafür rechtfertigen, warum da jetzt "so eine Tätowierte" sitzt?
Jennifer: Auf jeden Fall! Aber nochmal kurz zurück: GZSZ und The Dome waren nicht so spannend, Bundesvision Song Contest waren wir auch zweimal dabei - wir haben alles abgearbeitet. Es war witzig, das gemacht zu haben und jetzt reicht es auch.

Joe: Man muss es auch kontextbezogen sehen, warum wir das gemacht haben. Es ist eine witzige Erfahrung beim ZDF-Fernsehgarten aufzutreten, kein durchdachter Marketing-Move.

Ich möchte das auch gar nicht verurteilen ...
Joe: Nee nee, aber es steht dann halt einfach kontextgelöst in einem Wikipedia-Artikel oder sonstwo - und da bekommst du es nicht mehr weg! Wenn du es also einfach so liest, denkst du: "Was ist das denn für eine Band? Was macht die für einen Scheiß?"

Es ist halt ein kurioser Mix.
Jennifer: Aber das sind wir ja auch!

Jennifer, du hast mal gesagt: "Wenn die Fans lieb zu mir sind, bin ich das auch." Gibt es auch echte Arschlöcher?
Jennifer: Wenn der Andrang nicht zu groß ist, geben wir nach unseren Konzerten sehr oft Autogramme. Da merkt man, dass wir superliebe Fans haben, die echte Dankbarkeit zeigen. Die wollen dann eine Umarmung loswerden, uns sagen, wie froh sie sind, dass es uns gibt. Das ist wahnsinnig schön. Klar hat man gerade im Internet diese Idioten, die anonym stänkern wollen. Aber im realen Leben kennen wir das nicht.

Joe: Wenn YouTube-Kommentare etwas kosten würden ...

Jennifer: ... gäbe es keine Probleme!

Eure letzten beiden Alben habt ihr in den USA aufgenommen, mit einem Produzenten, der kein Wort Deutsch versteht ...
Jennifer: Jetzt kann er ein bisschen: Flusensieb, Kabelsalat ...

Christoph: Wir haben ihm einen Crash-Kurs in "plumber german" gegeben.

Aber er versteht keinen eurer Texte!
Joe: Im Vorfeld setzten wir uns zusammen, erklären ihm Zeile für Zeile, worum es im Stück geht. Er soll also eine Stimmung für den Song bekommen, bevor wir ihn einsingen. Teils ist es sogar sehr gut, dass er die einzelnen Wörter nicht versteht, weil er so auf ganz andere Sachen achtet.

Christoph: Das Aufnahmeklima ist bei ihm auch sehr gut, da er nicht einer dieser typischen genervten Produzenten ist - das kann einem Album nur gut tun.

Wie ist es denn in der deutschen Musiklandschaft? Gibt es sehr viele Produzenten oder nur einige wenige bedeutende?
Christoph: Es gibt sicherlich viele, aber bei großen Produktionen reduziert sich die Zahl wieder auf ein paar wichtige.

Jennifer: Und die nehmen auch eine ordentliche Stange Geld!

Christoph: Wir haben uns nicht aus Prinzip den deutschen Produzenten verschlossen, aber wenn man die Möglichkeit hat, einen neuen Weg auszuprobieren ... Warum nicht?

Ihr seid im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreich. Werdet ihr noch versuchen, euren Erfolg im Ausland auszubauen - vielleicht mit englisch-sprachigen Texten?
Joe: Da haben wir drüber nachgedacht, wurden auch drauf angesprochen, aber das würde nicht funktionieren. Die Songs, die wir schreiben und singen, sind in der deutschen Sprache verwurzelt, wenn wir nun auf Englisch singen würden, wären wir nicht mehr "Jennifer Rostock".

Jennifer: Man muss uns nehmen, wie wir sind. Oder halt nicht!

Apropos: Du bist jetzt auch Moderatorin bei Deluxe Music ...
Jennifer: Das macht auch echt Spaß! Ich bin froh, dass ich die Chance bekommen habe, das zu machen. Als krass tätowierte Alte ist es eh schwieriger, vor die Kamera zu kommen, vor allem, wenn man keine Erfahrung mit Moderation hat.

Du und Joe, ihr kommt beide aus Zinnowitz. Seid ihr schon Ehrenbürger?
Joe: Weiß ich gar nicht - nee, oder?

Jennifer: Ach Quatsch! Warum sollten wir? Das interessiert die doch gar nicht!

Joe: In der Wikipedia stehen wir beider aber unter "berühmte Personen aus Zinnowitz".

Jennifer: Wer auch sonst? (Lacht)

Joe: Vielleicht bekommen wir dort mal ein Denkmal ...

Jennifer: Und darauf steht: Die Schwuchtel und die Diva! (Lacht)

Joe: Ich bin die Diva!