Obwohl die meisten Jasmin Tabatabai vermutlich als Schauspielerin kennen, hat sie doch bereits in Katja von Garniers „Bandits“ bewiesen, dass Gesang einen ebenso großen Stellenwert in ihrem Leben besitzt, wie das Schauspiel. Welch ausgezeichnete Chanson- und Jazz-Interpretin Jasmin ist, beweist sie erneut mit „Jagd auf Rehe“ und gibt uns damit Gelegenheit für … 

ZELEBRIERTE MELANCHOLIE



„Jagd auf Rehe“ – als ich den Titel deines Albums las, kam ich etwas ins Stocken. Dies klingt schon sehr nach Halali und Jägerhut.
Darüber soll man ja auch stolpern und nachdenken. Es ist übersetzte Titel des iranischen Volkslieds „Shekare Ahoo“.

Das ich wunderschön finde! Ich habe versucht eine Übersetzung des gesamten Textes zu finden, bin aber gescheitert.
Auf Englisch gibt es den. Ich schaue mal, ob ich den für dich raussuchen kann … Vor einiger Zeit habe ich für das Lied ein Video mit einer japanischen Tänzerin machen lassen – so ein Corona-Video, bei dem sich jeder allein filmt – und dafür die Übersetzung zu Paula Riemann nach London geschickt …

Die Tochter von Katja Riemann?
Genau, sie hat mir das Video geschnitten und der Text half ihr dabei.

Worum geht es denn in dem Lied?
Es ist ein sehr altes persisches Volkslied mit mysteriösem Inhalt, denn es handelt von jemandem, der sehr verletzt wurde und beschließt ins Gebirge zu gehen, um Rehe zu jagen. Man fragt sich, was macht dieser Mensch? Ist es ein Mann oder eine Frau, denn es gibt im Persischen kein Gender. Was meint er mit „Rehe jagen“, ist das symbolisch für die Unschuld? Da in der persischen Kultur vieles nicht ausgesprochen wird, ist der Inhalt nur schwer erfassbar.

Sehr spannend! Es erinnert an einen Satz des persischen Gelehrten und Dichter Rumi, der schrieb: „Der Mensch hat viele Fähigkeiten, aber das größte Talent entwickelt er bei der Vernichtung der Natur.“
Wahnsinn, oder? Aber „Jagd auf Rehe“ muss ja nicht nur negativ sein, man kann sich ja auch jagen lassen! (Lacht) Ich mag die vielen Aspekte daran.

Dennoch schwingt eine gewisse Traurigkeit darin mit. Du sagtest einmal deine melancholische, ruhige Seite ist deine persische Seite.
Vielleicht, ja. Wobei ich glaube, Melancholie ist auch sehr deutsch. Hierzulande wird nicht so gerne darüber geredet, aber die Iraner zelebrieren es total. Mein Vater, zum Beispiel, hat immer traurige Musik gehört, dabei geraucht und angefangen zu weinen – im Iran ist es ganz normal, dass Männer bei trauriger Musik Gefühle zeigen, hier weinen Männer nur beim Fußball!

In dem Zusammenhang ist interessant, dass du auch „Männer im Baumarkt“ auf deinem Album hast.
(Lacht) Das ist natürlich ein witziger Titel von Reinhard Mey.

Hat er sich mal dazu geäußert, dass du ihn wiederholt interpretiert hast?
Oh ja, er schreibt mir sehr herzliche und persönliche E-Mails, aber ich habe ihn leider noch nie persönlich getroffen. Aber auch zu diesem Lied hat er mir super liebe Worte geschrieben. Er ist halt nicht nur einer der tollsten Liedermacher, den wir haben sondern auch ein feiner Mensch.

Du hast ihn mal als deutschen Bob Dylan bezeichnet.
Das finde ich wirklich! Leider haben wir in Deutschland nicht die gleiche bedingungslose Verehrung für unsere Künstler, wie es beispielsweise in Frankreich, Amerika oder Italien gelebt wird – woran das auch immer liegt. Dadurch erhalten viele tolle Künstler leider nicht die Wertschätzung, die sie verdienen.

Wie kam es zu der Auswahl der Lieder auf dem neuen Album?
Dabei hilft mir mein Produzent und Komponist David Klein sehr weiter. Wir suchen Stücke, die uns beiden gut gefallen, die zu mir passen und die ich gerne singen möchte.

Jetzt muss ich nochmal ein Zitat von Rumi bringen: „Zeige dich, wie du bist oder sei, wie du dich zeigst.“ Zeigt das Album dich?
Es zeigt auf jeden Fall mich. Ich stecke in jeder der Interpretationen – es geht ja auch gar nicht anders. Ich werde z.B. häufiger angesprochen, warum ich auf einem Album in vier Sprachen singe. Na ja, es sind halt die vier Sprachen, die ich halbwegs beherrsche, um sie singen zu können.

Hängt an den Liedern etwas persönliches? Wähltest du z.B. „Hey Jude“, weil du einen bestimmten Aspekt deines Lebens damit verbindest?
Nein, das mache ich nie so 1-zu-1. Aber das blaue und rote Album der Beatles gehörten zu den ersten Platten, die ich als Kind besaß und die ich rauf und runter gehört habe. Ich liebe die Beatles! Und wenn du ein Lied selber singst, offenbart sich dir die Seele des Songs und du erkennst, ob Musik und Worte gut zusammengehen oder nicht.

Ich singe leider nur unter der Dusche …
Aber auch da wählst du ja Lieder, die dich irgendwie gepackt haben bzw. die dich aus irgendeinem Grund nicht mehr loslassen.

Bei „Anymore“ hört man einen Song von dir. Schreibst du noch viele Lieder?
Hauptsächlich sind es Auftragsarbeiten. Für meine Freundin Katja von Garniere habe ich z.B. für die „Ostwind“-Filme einen der Abspann-Songs gemacht. Mit Kindern im Haus und zwei Berufen bleibt für das Musikschreiben leider nicht viel Zeit.

Du bezeichnest dich als „singende Schauspielerin“ …
Mit einer Mischung aus Trotz und Stolz, da man gerne schlecht über singende Darsteller spricht. Das finde ich aber nicht gerecht! Natürlich gibt es Schauspieler, die mit fortgeschrittenem Alter merken, dass sie Singen wollen – aber eigentlich spielen diejenigen doch nur Rockstar, worauf Musiker sehr empfindlich reagieren. Chansons können jedoch, meiner Meinung nach, am besten von Schauspielern interpretiert werden, da diese sich am besten Texte zu eigen machen können, um das Publikum zu erreichen. Und da gab es phantastische Interpreten!

Hildegard Knef, Marlene Dietrich … Sind dies Vorbilder für dich?
Ich habe eigentlich keine Vorbilder. Mich faszinieren viel mehr Persönlichkeiten: Unabhängige, starke Frauen finde ich toll. In meiner Jugend war ich z.B. begeistert von Madonna, es können aber auch durchaus streitbare Personen sein, wie Marina Abramović oder Yoko Ono. Am wichtigsten ist, dass man seinen eigenen Weg findet. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, irgendjemanden zu kopieren.

Da du gerade Katja von Garnier erwähnt hast: „Bandits“ war ein Meilenstein in deiner Karriere und jetzt hast du gerade wieder einen neuen Film mit ihr gedreht.
Ja, einen urbanen Tanzfilm namens „Fly“. Darin singe ich allerdings nicht, sondern bin die Lehrerin einer Gruppe schwieriger Jugendlicher, die sozusagen über den Tanz zurück ins Leben finden.

Der Film führt die alten „Bandits“, nach über 20 Jahren, aber wieder zusammen.
Ja, Nicolette und Katja spielen auch wieder mit, dies ist aber nicht „Bandits 2“. „Fly“ ist der erste deutsche Film über Urban Dance und wurde mit echten Tänzern gedreht, denen das Drehbuch quasi draufgeschrieben wurde. Die Story von „Fly“ wurde  übrigens von Paula Riemann entwickelt, die auch am Drehbuch mitgearbeitet hat. Ich freue mich wahnsinnig auf „Fly“, aber wie gerade alles bei Film und Kino können wir nicht absehen, wann der Film rauskommt – wir hoffen aber auf Januar.