Als ich zuhause ans Telefon gehe, meldet sich eine mir bekannte Stimme. Eine Stimme, die so einzigartig ist, dass sie zu einem Markenzeichen wurde - was natürlich hilft, wenn man Musiker ist. Ich spreche mit Jan Delay über seine Auseinandersetzung mit dem Feind, den Pepsi-Test, seine kleine Tochter und darüber Musik zu machen, wenn man keine Ahnung von Notation hat. Aber ganz egal, ob Jan Reggae, Funk oder Rock macht, er ist ...

DER CHEFSTYLER


Hast du heute schon viele Interviews gegeben?
Ja, das kann man wohl sagen.

Welches war die dümmste Frage, die dir dabei gestellt wurde?
Ah, okay. Die dümmste Frage ... Ehrlich gesagt war es heute gar nicht so dumm. Da muss ich echt kurz überlegen.

Ansonsten versuche ich mein Glück ...
Gib dir Mühe.

Erkläre mir doch bitte den Unterschied zwischen "Penis-" und "Dicke-Titten-Sound".
(Lacht) Sehr gerne. Dazu muss ich allerdings etwas weiter ausholen: Als ich das Album "Hammer & Michel" mit Kaspar "Tropf" Wiens produziert habe, war die Gitarren-Welt des Rock für uns noch etwas völlig Neues.

Eure Wurzeln liegen doch beim Hip-Hop?
Genau. Da wir aber neugierig sind, wollten wir unbedingt alles selbst machen. Also haben wir beide uns ganz lange und intensiv mit Gitarren auseinandergesetzt: Wir begannen, unsere liebsten Rock-Songs zu analysieren: Was sind das für Gitarren? Was sind das für Boxen? Was sind das für Amp's - also Verstärker? Wie spielt man das? Wir mussten das alles erst von Grund auf lernen.

Wie habt ihr das gemacht?
Kennst du noch den Pepsi-Test?

Du meinst die Werbung, in der Pepsi und Cola blind am Geschmack auseinander gehalten werden?
Genau. Wir haben uns ganz viele Amp's geholt und mit unseren Gitarristen und der immer gleichen Gitarre dasselbe Riff mit allen Verstärkern nacheinander eingespielt. Anschließend haben wir uns alle Aufnahmen am Rechner angehört - ohne zu wissen, welches Amp darin verwendet wurde.

Das hat funktioniert?
Auf jeden Fall! Für mich hat sich dabei herauskristallisiert, dass ich die Verstärker von "Marshall" - also den typischen "Marshall-Sound" - gar nicht mag. Ich stehe mehr auf "Orange" - das ist eine andere Amp-Firma. Als ich mit meinem Gitarristen darüber geredet habe, meinte ich, dass "Marshall" so nach "Penis" klingt.

Wie kann ein Verstärker nach Penis klingen?
(Lacht) Naja, so "Penis-Sound" halt: "Yeah, ich bin hier der geile Mann!" Dagegen klingen die Verstärker von "Orange" warm und dick - wie Titten. Deshalb sagte ich, dass ich den "Titten-Sound" will.

Gib mir mal bitte Beispiele!
Ich glaube, die Mukke von Lenny Kravitz ist eher "Orange"- ich weiß es nicht, aber ich würde es mal vermuten. Höre dir mal die ersten zwei, drei Platten von ihm an, die sind so retromäßig.

Und wer hat den "Penis-Sound"?
Metallica würde wohl eher den Marshall-Sound favorisieren. So würde ich es zumindest kategorisieren.

Das konntest du auch nur so sagen, weil du von Rock keine Ahnung hattest.
Richtig. Zu meinen Musikern sagte ich: "Mach das mal so und so!" Und die antworten: "Meinst du fis dur?" Hä? Ich wusste gar nicht was die wollen? (Lacht)

Hätte ich auch nicht gewusst.
Siehste! Ich kann wohl Noten lesen, aber dann dauert das eine halbe Stunde. Da ich mich mit Notation nicht auskenne, muss ich meinen Musikern alles in meiner Spacken-Sprache klarmachen. Zum Glück wissen die meist recht schnell, was ich will. Jedenfalls entstehen dadurch Ausdrücke wie "Dicke-Titten-Sound".

Wenn du keine Ahnung von Rock-Musik hast, warum machst du dann so ein Album?
Naja, wenn man alles perfekt beherrscht, weiß oder kann, dann muss man das ja nicht machen. Es geht darum, dass ich neugierig bin und dass ich Bock habe Sachen zu machen, mit denen ich mich nicht auskenne. Weißt du, eine Funk-Platte machen - das kenne ich. Das kann ich aus dem Effeff und ich brauche auch nicht mit Penis- und Titten-Erklärungen zu kommen.

Aber wieder Funk wäre zu langweilig gewesen?
Auf jeden Fall! Ich will halt was Neues lernen und genau das passiert beim Machen. Jetzt kenne ich mich auch beim Rock besser aus und muss nicht mehr von "Penis" und "Titten" reden. Jetzt weiß ich, was da geht und genau dieser Prozess macht Spaß - das ist toll und daran wächst man.

Hast du eigentlich ein neues Rock-Genre begründet - ich habe von "Ham-Rock" gelesen?
Nö, das hat sich der PR-Texter ausgedacht. (Lacht) Ich habe einfach eine Jan Delay-Platte mit vielen Gitarren gemacht.

Aber für eine Rock-CD gibt es darauf schon eine bunte Mischung an Stilen.
Als jemand, der nicht aus dem Genre kommt, habe ich die Freiheit ganz unbedarft und naiv darin rumzuspielen. Für mich gibt es da keine Gesetze: Ich kann auf der Platte einen Punk-Rock-Song bringen und auch eine Heavy-Metal-Ballade. Obwohl sich diese zwei Lager früher auf den Tod gehasst haben! Ich habe da keine Berührungsängste. Diese Freiheit feier' ich ab!

Als ich im Vorfeld besagte PR-Texte las, wurde Udo Lindenberg häufig erwähnt ...
Nicht nur in den PR-Texten!

Okay, aber inwieweit war Udo für dich ein Einfluss?
Als jemand, der auf Deutsch textet und singt, ist Udo in allen Songs drin. Als ich fünf oder sechs war, war er einer der Ersten, der in meiner Sprache zu mir gesungen hat. Das hat mich fasziniert. Er hat mir Geschichten vorgesungen und dabei Wörter wie "Arsch" oder "Scheiße" benutzt - genau so, wie man auf der Straße gesprochen hat. Das hat mich geflasht - mich umgehauen! Wenn du dir in dem zarten Alter, diese ganzen Songs reinziehst und dann später irgendwann selber textest, dann ist es einfach so, dass er unterbewusst immer mitspielt. Udo hat mich mitgeformt.

Dann bist du vielmehr als nur ein Fan?
Ja genau. Udo ist in jeder meiner Platten. Teilweise sogar wirklich, denn er hat teils aktiv daran mitgearbeitet.

Eine zeitlang war es um Udo sehr ruhig - bis du mit ihm Musik gemacht hast. Meinst du, dass du ihn rehabilitiert hast?
Weiß ich nicht. Ich bin auch der Letzte, der das behaupten würde. Aber wenn es so war, habe ich es gern getan.

Was sagt er zu deinem neuen Album?
Der findet es geil - er hört es beim Joggen!

Wir beide haben gleichaltrige Töchter und meine hört total gerne Musik. Spielst du deiner Tochter deine Musik vor?
Ich bin jetzt nicht der Typ, der sich immer seine eigne Musik anhört oder anderen vorspielt. Während der Schwangerschaft habe ich mit unserer Kleinen im Bauch immer gesprochen. Irgendwann hat meine Freundin ihr dann meine Musik vorgespielt - als Test, ob bei der Musik eine ähnliche Reaktion kommt. Da konnten wir aber nichts wahrnehmen.

Was hört sie jetzt gern?
Momentan mag sie sehr entspannte Musik - sie ist ja auch erst ein halbes Jahr alt. Aaber so alten Roots Reggae mag sie. Der ist ganz entspannend und langsam - das ist genau ihr Ding. Wenn ich also anfangen würde, ihr meine Musik vorzuspielen, würde ich vermutlich mit meiner Reggae-Platte anfangen.

Seit ich Vater bin, bekomme ich organisatorisch kaum noch was geregelt, wie schaffst du es da ein ganzes Album auf dem Markt zu schmeißen?
Wir wussten ja vorher, worauf wir uns einlassen, daher war das Album vorher fertig. (Lacht)

Du bist vom Reggae über Funk beim Rock gelandet. Veränderst du deine Stile, um dir eine neue Fanbase zu erschließen?
Nee! (Lacht) Dann würde ich es nicht machen!

Ich frage, da ich mit den "Beginnern" nie viel anfangen konnte. Deinen Funk mochte ich lieber.
Ach so, das freut mich! Hört sich vielleicht blöd an, aber ich mache die Musik wirklich für mich. Wenn ich mich vor jedem Song vorher fragen würde: "Wer will das jetzt hören und wer nicht?" Das wäre ja schrecklich! Ich bin ja kein Dienstleister! Ich muss das machen können, was in mir drinnen ist - das muss raus - und wenn ich das nach einigen Wochen immer noch geil finde und es abfeiere dann ist es richtig. Dann gehe ich damit raus.

Was machst du als nächstes? Also was hast du noch nicht beackert und interessiert dich?
Was Genre angeht, wird die Luft jetzt auf jeden Fall extrem dünner. Ich hoffe es wird dich nicht komplett in eine Depression stürzen, wenn ich dir sage, dass ich eine neue "Beginner"-Platte mache! (Lacht)

Oh Gott!
Ich hatte voll Bock auf Hip-Hop und wir haben auch schon während "Hammer & Michel" parallel daran gestylt. Das Rock-Album war halt als erstes fertig. Morgen kommt Dennis (Anmerk. d. Red.: Dennis Lisk aka Denyo) und wir machen weiter. Was danach kommt, hat immer sehr viel damit zu tun was ich in der Freizeit intensiv höre. Da ich wegen meiner Tochter momentan sehr viel Roots Reggae höre ...

Könnte sich der Kreis schließen und du wieder beim ersten Album anknüpfen.
Ja, das könnte gut passieren.

Du wurdest mal als "wichtigste Pop-Stimme" bezeichnet. Bekommst du da nicht das kalte Grausen?
Vor zwanzig Jahren hätte mich bei so einer Bezeichnung vermutlich vom Dach gestürzt. Über die Jahre habe ich aber gelernt, dass "Pop" ein sehr relativer Begriff ist. Rap und Hardcore-Rap, wie ich ihn früher, als ich klein war, immer gehört habe ist auch Pop - Public Enemy ist sowas von Pop!

Jetzt bin ich auf deine Definition gespannt.
Na, "Pop" steht für "populär" und wenn man bedenkt, dass wir populäre Musik machen, dann mache ich auch Pop - egal ob es Reggae, Funk, Rock oder sonst was ist. Ich mache Pop-Musik, das ist einfach so. Popper waren früher das Schlimmste und Pop-Musik war der Feind, aber am Ende ist es doch alles Pop oder vielleicht noch besser: "Mensch-Musik". (Lacht) Insofern bin ich gerne eine "wichtige Stimme der Pop-Musik".

Ist das Altersweisheit?
Ich mag den Begriff nicht, aber es ist auf jeden Fall etwas, das vom Alter kommt. Du brauchst halt Zeit um gewisse Dinge zu lernen, zu erkennen und zu reflektieren. Dazu gehört sicherlich auch, zu begreifen, dass Pop nicht der Feind ist. Manche Leute haben vielleicht das Glück das zu verstehen, wenn sie zwölf sind - ich nicht.