Es gibt viele Bands, die sich am Spagat zwischen mittelalterlichen Klängen und moderner Rockmusik versuchen. Und es gibt die Meister: In Extremo. Seit 20 Jahren macht diese Band immer erfolgreicheren Mittelalter-Rock. Frontmann Michael Rhein aka Das letzte Einhorn weiß zwar selbst nicht, wieso In Extremo so erfolgreich sind, dafür aber, wie es sich anfühlt, vor 650.000 Fans aufzutreten oder mit geklautem Sprit nach Hause zu fahren.

DER MITTELALTER-MEISTER


Im Januar (2015) ward ihr zum dritten Mal bei „70.000 Tons of Metal“ dabei. Was ist das?
Das ist eine Kreuzfahrt durch die Karibik – nur für Metal-Fans.

Aber Kreuzfahrten sind doch eher spießig?
Absolut! Nur sind jetzt 3.500 Metals-Fans auf dem Schiff und es spielen bis zu 60 internationale Bands.

Da möchte ich nicht zur Schiffscrew gehören …
Doch, die freuen sich den Arsch ab! Für die ist es eine tolle Abwechselung, Metaller brüllen zwar gerne rum, aber sind ja immer sehr freundlich. Das ist schon klasse, dabei zu sein.

Und dann schippert ihr durch die Karibik.
Dieses Mal ging es nach Jamaika und im Anschluss nach Mexiko. Stell dir vor, da landet so eine schwimmende Stadt vor den Cayman Islands und über 3.000 schwarz gekleidete Typen gehen an Land. Da schauen die Einheimischen echt blöd aus der Wäsche! (Lacht)

Macht ihr dabei auch Urlaub?
Ja sicher! Du bist eine Woche ausschließlich betrunken. Natürlich hast du weniger Privatsphäre und gibst ‘ne Menge Autogramme, aber du weißt ja im Vorfeld, worauf du dich einlässt.

Wie ist es für euch heute in Münster aufzutreten?
Münster war irgendwie noch nie so unsere Stadt.

Ist Münster zu spießig?
Nee, ich mag die Stadt total. Wir haben hier in der Nähe sogar unser Studio – in Otti Botti. Ich weiß auch nicht … In einer Studentenstadt wie Münster liegt stellenweise ein anderer Musikgeschmack vor. Und hier im Jovel ist auch eine Akustik …

Nicht gut?
Wir haben fähige Tonleute auf Tour dabei, aber selbst die meinten schon: „Boah, alter Finger!“

Spielst du lieber auf Festivals?
Ich mag die Abwechslung. Wir haben vor kurzem eine Clubshow gemacht, das war auch wieder was ganz anderes.

Tretet ihr noch auf Mittelaltermärkten auf?
Eine Zeitlang sind wir noch unter Pseudonym aufgetreten – das machen wir aber jetzt nicht mehr.

Weil ihr zu bekannt geworden seid?
Wir haben da echt schlechte Erfahrungen gemacht. In Wuppertal wurden wir beispielsweise ohne unser Wissen als „In Extremo“ angekündigt …

Oh, oh.
Du sagst es! Plötzlich standen wir – nur mit Akustikinstrumenten – vor 3.000 Leuten. Sound und Location waren dafür überhaupt nicht ausgelegt und die Situation eskalierte: Irgendwelche Typen fingen an, eine Bierbude zu zerkloppen. Wir haben uns dann mit Megaphon hingestellt, um alle zu beruhigen. Da hat das Arschloch von Veranstalter Angst bekommen und wollte sich verpissen. Wir haben das aber mitbekommen und den aufgehalten.

Ernsthaft?!
(Lacht) Klar! Da waren noch ein paar Bikertypen, mit denen haben wir sein Auto umstellt

Was habt ihr dem gesagt?
Dass er sofort 10.000 Euro rausrückt oder tierisch eins auf die Fresse kriegt – so heftig fahre ich echt nur selten aus der Haut. Er hat auch gezahlt. Wir sind dann zu dem Bierbudenbesitzer gegangen und haben ihm 4.000 Euro gegeben.

Das ist nett!
War das Mindeste! Das Problem ist, dass solche Sachen natürlich auf die Band zurückfallen – auch das hat uns echt noch lange angehangen. Naja, deswegen machen wir solche anonyme Auftritte nicht mehr.

Dennoch liegen auf Mittelaltermärkten eure Ursprünge.
Richtig, dort habe ich schon 1990 gespielt. Zu DDR-Tagen bin ich noch in Punk- und Bluesbands aufgetreten – das waren echt noch Zeiten! Nach der Wende bin ich teilweise vor fünf oder zehn Leuten aufgetreten. Ich hatte Mietschulden, Autoschulden, alles …

Weil die Meisten nur noch Westbands hören wollten?
Genau. Wir haben teilweise bei Tankstellen Sprit geklaut, um nach Hause zu kommen. Das sind unsere Wurzeln, die wir auch nicht verleugnen werden.

Als was würdet ihr euch heute bezeichnen?
Als moderne Rockband mit mittelalterlichen Instrumenten.

Die ihr teils auch noch selber baut …
Ja, aber so aktuell ist es auch nicht mehr. Einen der Dudelsäcke haben wir seit zwanzig Jahren. Du baust schließlich nicht jede Woche ein neues Instrument.

Ihr spielt auch häufiger mit Gastmusikern, die man nicht als erstes mit eurer Musik in Verbindung bringt, z.B. Götz Alsmann.
Götz kommt heute Abend auch, er hat mich gerade angerufen.

Wie kommt es zu einer solchen Zusammenarbeit?
Ich habe Götz vor vielen Jahren beim Echo gesehen und angequatscht, weil ich seine Musik und Sendung gut finde. Das wollte ich ihm auch sagen, er meinte nur: „Ihr seid aber auch nicht schlecht!“

Er kannte „In Extremo“?
So wie du, habe ich auch aus der Wäsche geschaut. Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, dass er uns kennt, Doch er fing direkt an, die Platten aufzuzählen, die er von uns hat. Daraus ist eine echte Freundschaft entstanden und mittlerweile hat er mit seiner Band auch schon Songs von uns gecovert.

Zum Beispiel „Spielmann“.
Richtig, das Lied ist mein ganzes Laben in zwei Strophen. Den habe ich mit Götz allein auf der Bühne gespielt – er am Klavier. Das war der Hammer! Als er dann vor zwei Jahren ein Konzert in der Halle Münsterland gegeben hat, fragte er, ob wir das nochmal machen wollen.

Aber hat Götz nicht ein anderes Publikum, als ihr?
Diese Bedenken hatte ich auch. Da sitzen dann nur Professoren oder Doktoren … Ich habe aber zugesagt und mich beim Konzert mit einem Glas Wein und einer Zigarette im Schneidersitz auf Götz‘ großen Flügel gesetzt. Und was soll ich sagen? Am Ende gab es Standing Ovations!

Ihr könnt Götz ja in die Band aufnehmen.
Ich glaube, Götz Alsmann ist ein besserer Musiker als wir alle zusammen! (Lacht)

Macht euch mal nicht schlechter, als ihr seid. Schließlich habt ihr weltweit Erfolg.
Bis auf Australien gibt es, glaube ich, kein Land, in welchem wir noch nicht gespielt haben.

Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Als wir das erste Mal in Mexiko auf der Bühne standen, fanden wir bestimmt 700 Meter Merchandise-Tische vor – nur mit unserem Kram. Natürlich alles Bootlegs und unlizensiert! Manche Teile waren sogar mit Hakenkreuz oder Eisernem Kreuz versehen. Du erschreckst du dich schon!

Habt ihr was dagegen unternommen?
Ich bin zur Promoterin und hab sie gefragt, ob sie die Polizei rufen könnte, schließlich wäre das ja illegal. Die hat nur gelacht: „Die Polizei verkauft euer Zeug doch auch!“ (Lacht)

Andere Länder …
Das kannst du laut sagen! Am nächsten Abend spielten wir dann nochmals vor 30.000 Menschen. Da hatten wir einen Open-Air-Backstage-Bereich, der plötzlich von zwei Hundertschaften Polizistinnen aufgesucht wurde – mit geladenen Pumpguns und Schusswesten. Die haben alles abgesichert. Es gibt Fotos von mir, wie ich Polizistinnen auf ihren Brüsten Autogramme gebe, während ich ihre Knarre halte. Das ist der Wahnsinn. Das kannst du dir nicht vorstellen!

Wie erklärst du dir euren Erfolg im Ausland? Eure Texte verstehen sie dort doch nicht.
Kann ich dir auch nicht sagen.

Ihr selbst singt auch in Sprachen, die ihr nicht versteht – wie Gälisch.
Die lerne ich auswendig. Und ich weiß natürlich, was die Worte bedeuten.

Hat nicht Rae Garvey für euch Texte in Gälisch übersetzt?
Er war seine Mutter! Am Telefon. War echt cool! (Lacht) Unser Bassist hat gerade in Irland Urlaub gemacht, da lief der Song in den Pubs rauf und runter. Und die Iren verstehen den Text, also haben wir es wohl gut gemacht.

Für eure Texte verwendet ihr auch Klassiker von Uhland und Francois Villon …
Ich bin ein alter Villon-Fan. Hab mich zwar ein paar Jahre nicht damit beschäftigt, aber damals war ich näher dran – auch durch die Mittelaltermärkte. Es genau 41 Villon-Ausgaben. Ich habe 40 davon!

Wow, du bist echt ein Fan!
Kann man so sagen. Diese letzte Ausgabe suche ich schon seit Jahren – ich finde sie nicht! Kacke! (Lacht) Aber zu den Bootlegs fällt mir noch ein: Wir haben in Moskau ein Konzert gegeben und genau an dem Tag ist in Deutschland unser neues Best-Of-Album rausgekommen. Auf dem Markt in Moskau lag es aber überall schon zum Verkauf. Ich dachte, ich sehe nicht richtig!

Wie geht das?
Jetzt kommt der Hammer: Ich habe mir die gekauft und am Ende der CD war noch Platz drauf, da haben die noch zwei Stücke von Oomph draufgemacht! (Lacht) Kein Gag!

Nächstes Jahr habt ihr eurer 20-jähriges Jubliäum. Was steht an?
Wir machen eigentlich nur drei Shows: Wacken und zwei auf der Loreley. Die sind dann auch unser eigenes Festival für gut 20.000 Menschen.

Ein eigenes Festival?
Ja, das wird der Knaller! Wir erstellen gerade ein geniales Line-Up, das schon manches andere Festival in den Schatten stellen wird – überwiegend mit alten Freunden und Wegbegleitern.

Sicherlich ein tierischer Aufwand!
Total! Wir planen schon seit Monaten. Es gibt unglaublich viele Sicherheitsauflagen – du brauchst allein drei Tage, um die Genehmigung für ein Dixie-Klo zu bekommen.

Warum die Loreley?
Ich hätte es nie gedacht, aber der Chef davon ist ein riesiger In Extremo-Fan. Dabei ist das so ein Graf Gigolo-Typ. Aber er sagte uns, dass wir machen können, was wir wollen – seine Unterstützung hätten wir.

Und die Show? Legt ihr noch eine Schippe drauf?
Mit Sicherheit! Ich denke, wir werden zwei Sets spielen: die ersten zehn Jahre und die letzten. Das ist dann natürlich auch eine harte Proberei. Ich habe mir letztens noch alte Platten angehört, da waren Songs drauf, die kannte ich gar nicht mehr!

Wie stehst du zu deinen alten Songs? Magst du die noch?
Eine CD zeigt den Stellenweit der Band zu der jeweiligen Zeit. Für mich gibt es daher auch keine „beste“ oder „schlechteste Platte“ – so waren wir damals eben.

Aber du liest schon eine Entwicklung daran ab.
Ja klar! Jede CD steht aber für sich.

Spielst du auf der Bühne eigentlich noch Dudelsack?
Nee, nicht mehr! Das habe ich jahrelang gemacht, aber mittlerweile fehlt mir die Lippenspannung. Wenn du lange nicht gespielt hast, sind die Muskeln nicht trainiert und dir läuft die Spucke nur so raus. Aber meinen Dudelsack habe ich noch – den gebe ich auch nicht her!

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem ihr ans Aufhören denkt?
Daran denke ich überhaupt noch nicht. Es ist für mich ja auch keine Arbeit – sondern ein Geschenk des Himmels! Mittlerweile haben wir 6,1 Millionen Platten verkauft – mit dieser Nischenband!

Das habt ihr euch auch hart erarbeitet.
Uns hat keiner was geschenkt! Wir haben viel Lehrgeld bezahlt. Ganz viel!

Was würdest du nie machen?
Ich würde auf keinen Fall nach Afghanistan und vor den Truppen spielen. Nur über meine Leiche! Da bin ich absoluter Pazifist. Man soll zwar nie „nie“ sagen, aber da sage ich nie! Und ich würde nie im Leben wählen gehen!

Das ist eine Aussage!
Ja und dazu stehe ich! Solange Regierungen zulassen, dass rechtsextreme Veranstaltungen genehmigt werden, die sogar – von der Polizei geschützt – durch das Brandenburger Tor und am Reichstag vorbeiziehen dürfen, hört es bei mir auf! Deshalb wähle ich das Pack nicht!

Aber wie soll es sich dann ändern?

Das ist mir scheißegal! (Lacht) So ein bisschen Revolution muss ja auch sein, weißte? Ich bin politisch schon sehr informiert, aber vieles halte ich für zwecklos!