Das Baby schlummert friedlich in seinem Bettchen, während Mama zu harten Gitarrenklängen auf der Bühne ein Lied schmettert. Eine ungewöhnliche Vorstellung? Finde ich auch! Daher traf ich mich mit Marta Jandová von „Die Happy“, die als Mutter und Rockröhre dieses Kunststück beherrscht. So erfuhr ich mehr über die Sanierung von Konten, tschechische Casting-Formate und ließ natürlich kein Fettnäpfchen aus. Ach ja, ihr Exfreund kam auch noch hinzu … 

MAMA ROCKT!


War das gerade deine Tochter, die hier herumgelaufen ist?
Ja, die hat hier backstage gerade ziemlich viel Spaß und grinst alle an.

Wie ist das Leben auf Tour mit einem Kleinkind?
Es ist total schön, aber ich auch etwas ausgelaugt. Ausschlafen ist nicht mehr. (Lacht)

Im Vorfeld habe ich immer mit Thorsten telefoniert und erst im Nachhein ging mir ein Licht auf, mit wem ich sprach – eurem Gitarristen. Organisiert ihr selbst viel?
Ja, vor allem Thorsten. Er bucht die Tour, den Bus und überlagt, was wir alles mitnehmen müssen. Das macht ihm aber auch Spaß. Er hatte gerade Geburtstag und wir haben ihm genau aus dem Grund so einen Managerkoffer geschenkt.

Habt ihr keinen Manager?
Doch klar. Wir haben auch eine Agentur und einen Tourmanager, aber Thorsten organisiert eben gern.

Ihr habt mal gesagt, dass ihr jede Fanmail selbst beantwortet. Macht ihr das immer noch?
Ich leider kaum. Ich lese sie zwar, antworte aber nur, wenn es wirklich wichtig oder interessant ist. Ansonsten sind es zu viele.

Was wirst du denn am häufigsten gefragt?
Wie man mich treffen kann.

Ich könnte da Tipps geben.
(Lacht) Stimmt!

Du wohnst in Prag. Willst du damit dem Rummel in Deutschland entfliehen?
Nein, ich bin da geboren und ich wollte auch gerne dort leben.

Wo ist dein Erfolg größer?
In Deutschland ist sicherlich „Die Happy“ erfolgreicher. In meiner Heimat bin ich persönlich wohl bekannter – wegen meiner Soloprojekte.

Wie kamst du zu den Soloprojekten?
Ich war in Prag, hatte gerade nicht mit „Die Happy“ zu tun und es kamen gute Jobangebote rein … Ich muss meine Rechnungen auch bezahlen. (Lacht) Mit einer Rockband, die nicht unbedingt Hallen ausverkauft, lässt sich einfach nicht auskommen. Außerdem konnte ich in Tschechien ganz andere Dinge machen: Musicals, Schauspiel, Fernsehen – ich probiere alles Mögliche aus.

Nun bist du letztes Jahr Mutter geworden. Denkst du manchmal darüber nach, ein paar Jahre lang nur noch für die Familie da zu sein?
Manchmal. Aber wenn ich auf der Bühne stehe und singe, merke ich, dass mir etwas fehlen würde. Ich möchte die Arbeit schon nebenher weitermachen, damit meine Tochter keine wahnsinnige Mama hat, die total unausgelastet zu Hause hockt.

Hast du keine Angst, dass du etwas in der Entwicklung deines Kindes verpasst – die ersten Schritte, die ersten Worte?
Natürlich! Aber bisher ging es gut und wenn ich nicht gerade arbeite, habe ich sie ja auch immer bei mir. Außerdem schläft sie während unserer Auftritte bereits – da kann ich nichts verpassen. Abgesehen vom Schreiben, wenn sie merkt, dass Mama nicht da ist. Diese Phase ist seit drei Tagen ganz schlimm.

Aber ihr lasst es jetzt schon langsamer angehen? Das letzte Album ist ja schon ein paar Jahre her.
Ich habe mich entschieden, eine Familie zu gründen und sehe keinen Grund meiner Karriere hinterherzujagen. Zuhause ist jetzt jemand, der mich braucht. Außerdem sind wir keine so supererfolgreiche Band, dass die Jungs von mir abhängig wären.

Wie dann deine Zeit mit der Familie aus?
Sehr voll! (Lacht) Wir haben das volle Programm: Schwimmkurs, Sportkurs oder ich packe mir Kind und Hund und besuche andere Muttis. Es ist mir wichtig, dass meine Tochter viel Kontakt zu anderen Kindern hat.

Hat deine Tochter auch deine Stimme bekommen?
Ich glaube schon. Wenn sie genervt ist, kann sie so laut werden, dass dir die Ohren vibrieren. Das ist Wahnsinn, was aus dem kleinen Kind herauskommen kann!
(Die Tür geht auf und Bassist Ralph schaut herein.)
Komm, du musst auch mitmachen.
(Ralph will die Tür wieder schließen.)
Jetzt bleib doch hier!

Ralph: Ich muss aber noch auf die Toilette! Ich wusste ja von nichts …

Wo waren wir? Ach ja … Soll deine Tochter auch Sängerin werden?
Mir wäre es schon lieber, wenn sie etwas anderes als Musik macht. Natürlich ist es geil, was man auf Tour alles zu sehen bekommt … Erst gestern habe ich noch beim Einschlafen darüber nachgedacht, wo wir überall waren: Amerika, Portugal, Dänemark, Frankreich und sogar zwei Mal bei einem Festival auf den Azoren. Das alles war schon super, aber es schränkt auch ein.

Inwiefern?
2009 habe ich bei „Superstars Tschechien/Slowakei“ mitgemacht. Beides wurde in Bratislava aufgezeichnet – also gut 320 km von Prag entfernt. Diese Strecke bin ich gut vier Mal die Woche gefahren. Hinzu kam, dass ich zeitgleich bei einem Musical zwei Rollen gespielt habe plus Shooting und Interviews zwischendurch. An Schlaf war kaum noch zu denken.

Das ist Stress!
Der noch lange nicht aufhörte: Als „Superstars“ und das Musical beendet waren, habe ich bei „Popstars“ in Deutschland mitgemacht und noch eine eigene Sendung in Berlin bekommen. Da „Popstars“ teilweise in Amerika gedreht wurde, bin ich ständig zwischen den USA, Berlin und Prag herumgejettet. Eines Abends saß ich in Nashville in meinem Hotelzimmer, schaute auf die Skyline und fing an zu weinen. Wie ein kleines Kind wollte ich nur noch nach Hause. Es war einfach zu viel geworden. Ich beschloss, eine Pause zu machen.

(Die Tür öffnet sich.)

Ralph: So, da bin ich wieder.

Genau passend. Wir sprachen gerade über Stress. Gibt es auch Zeiten, in denen ihr euch absolut nicht ausstehen könnt?
Marta: Nee, eigentlich nicht. Sicherlich gehen unsere Meinungen mal auseinander, aber ich fluche dann eher im Auto auf dem Heimweg. Als ich allerdings schwanger war, hat mich keiner von den Jungs in Prag besucht.

Nein?!
M.: Unfassbar, oder?

Was war los, Ralph?
R.: Äh, ich glaube …

Prag ist jetzt nicht so weit weg!
R.: Ja, nee …

M.: Er hat sogar zum Geburtstag ein Zugticket nach Prag geschenkt bekommen!

R.: Jeder von uns hat noch andere Dinge, die er machen muss. Da ist es manchmal schwierig, alles unter einen Hut zu kriegen. Deshalb habe ich es wohl nicht hinbekommen.

M.: Aber Marta ist doch das Wichtigste in deinem Leben!

R.: Ja, das stimmt! Deshalb verstehe ich mich auch selbst nicht mehr.

Ich habe in uralten Interviews gewühlt: Ralph, du hast im Jahr 2000 noch in deinem Werbewirtschaftsstudium gesteckt. Wie schaut’s aus? Fertig?
R.: (Lacht) Ja, nach vierzehn Jahren!

M.: Er hat sogar eine Agentur, die erfolgreich läuft.

Perfekt, dann schicke ich dir mal eine Bewerbung zu.
R.: Für welchen Bereich?

Marketingkommunikation.
R.: Das würde passen. Dann sind wir ja quasi Kollegen … Also das Studium habe ich jedenfalls beendet – war auch recht anstrengend.

M.: Und auch der Grund, warum wir uns getrennt haben.

Echt jetzt?! Ihr wart zusammen?
R.: Ja, war eine harte Zeit: Wir haben damals gefühlt 360 Konzerte im Jahr gespielt und im Sommer, während alle am Badesee waren, habe ich für meinen Abschluss gebüffelt. Da wurde es zu viel und ich habe mich von Marta getrennt!

M.: (Lacht) Das war nicht der Grund! Ich durfte in unserer Drei-Zimmer-Wohnung nur noch mit Kopfhörern Fernsehen schauen und auf Zehenspitzen aufs Klo gehen, weil ihn alles abgelenkt hat!

R.: Echt war das so? Jedenfalls haben wir alle aus der Band noch andere Jobs. Mein Traum war es immer, eine eigene Agentur zu haben und den konnte ich mir verwirklichen. Am Ende freut man sich aber wieder auf „Die Happy“. Das ist eine Abwechslung, die wir alle brauchen.

Ist „Die Happy“ dann eher ein Hobby?
R.: Nee nee, das ist viel mehr. Eher Familie. „Die Happy“ wird es auch immer geben. Vielleicht werden die Pausen zwischen den Platten länger …

M.: Ich will noch ein Baby!

R.: Siehste! (Lacht) Man nimmt Rücksicht auf die Projekte der anderen. Wir machen uns auch nicht mehr den Druck, alle eineinhalb Jahre ein neues Album veröffentlichen.

M.: Wir verdienen unser Geld nicht mehr ausschließlich mit der Band. Ist das Konto erst saniert, wird man ruhiger.

R.: Saniert? Saniert ist mein Konto nicht! Das würde ja bedeuten, dass ich mir keine Sorgen mehr machen müsste.

M.: Aber für den nächsten Monat hast du doch Ruhe?

R.: Ja, das geht noch. (Lacht)

Da wir gerade beim Geldverdienen sind: Marta, du hast so einige Casting-Formate mitgemacht. Was hältst du davon – ganz ehrlich?
M.: Egal, ob „Popstars“, „The Voice“ oder „Superstars“, es läuft doch immer auf das Gleiche hinaus: Es geht um die Sympathien der Zuschauer für einen Kandidaten. Anders kann ich mir auch die tschechischen Gewinnerin bei „The Voice“ nicht erklären.

Singt die so schlecht?
M.: Nein, die hat definitiv eine gute Stimme, doch wird sie wohl nie ein Konzert geben – die ist psychisch einfach durch.

Der Casting-Markt ist aber auch echt abgegrast.
M.: In Tschechien habe ich ebenfalls das Gefühl.

R.: Aber es gibt doch immer wieder neue Formate, wie jetzt „Rising Star“ …

Genau an der Sendung ist mir aufgefallen, dass da nichts Neues kommt.
M.: Ich finde es schlimm, wenn sich die Kandidaten, die ein paar Runden weitergekommen sind, total abheben und sich aufführen wie … Ich musste mich schon so oft zurückhalten, sonst hätte ich denen den Hals umgedreht!

Rätst du von diesen Formaten ab?
M.: Nee, überhaupt nicht! Mittlerweile gibt es kaum noch Möglichkeiten als Musiker auf dich aufmerksam zu machen. Wenn du wirklich gut bist, können dir solche Sendungen Türen öffnen – auch wenn dir zunächst der Casting-Makel anhaftet.

Müsst ihr nicht langsam auf die Bühne?
R.: Die Vorband spielt schon …

M.: Echt? Ich muss mich noch fertig machen …

Gibt es bei eurer Unplugged-Tour ein besonderes Outfit?
M.: Klar, die Jungs tragen Anzüge, ich ein Abendkleid und High Heels.

R.: „Unplugged“ dürfen wir nicht mehr sagen.

M.: (Lacht) Stimmt! Wir machen eine „Acoustic-Tour“. Da gab es mal Stress mit  MTV: „Unplugged“ ist ein geschützter Begriff.

Du scherzt?
M.: Ehrlich, es kam direkt ein Brief vom MTV-Anwalt. Wir spielen ab jetzt akustisch! (Lacht)