Wir alle stellen uns in der Corona-Pandemie neuen Herausforderungen: beruflich, aber auch privat. Gerade in Familien mit Kindern wurde die Jonglage mit Beruf, Partner und Kindern zu einer nicht zu unterschätzenden Herausforderung. Collien Ulmen-Fernandes kann davon ein Lied singen, oder besser: eine Dokumentation machen, denn sie weiß, wie sehr das Leben durch ein klitzekleines Virus auf den Kopf gestellt werden kann – beruflich, aber auch privat. 

KÄMPFERIN GEGEN UNGERECHTIGKEIT 


Collien, wie geht es dir im Lockdown?
Ich habe mir die Corona-Zeit echt anders vorgestellt. In einem Bericht habe ich gerade erst gesehen wie jemand die Krisenzeit nutzt um Brot zu backen – so dachte ich, würde es auch bei mir laufen: Fremdsprachen lernen, kochen oder andere Dinge, die man sich immer vorgenommen hat … Mittlerweile bin ich aber genauso viel unterwegs wie vorher auch.

Mit einem guten oder unguten Gefühl wegen der Pandemie?
Naja, ich habe bald einen Dreh in Düsseldorf und einen in München und theoretisch könnte ich fliegen, aber das traue ich mich nicht. Deshalb mache ich alles mit dem Auto – was leider ziemlich zeitaufwendig ist,

Kurz nach Beginn der Pandemie hast du die Doku „Familien allein zu Haus“ gedreht. Darin wurden die neuen Anforderungen an das Familienleben im Lockdown und der Umgang damit an drei Familien gezeigt. Diesen Monat wird ein zweiter Teil erscheinen. Sind es wieder die gleichen Familien aus dem ersten Teil?
Wir haben gerade erst ganz frisch das „Go“ vom ZDF bekommen und befinden uns noch in der redaktionellen Vorbereitung.

Glaubst du, dass sich die Situationen in den jeweiligen Familien stark verändert hat?
Auf jeden Fall. Die Corona-Regeln haben sich verändert. Unsere Tochter geht z.B. zweimal die Woche wieder für wenige Stunden in die Schule.

Wie ist das für euch?
Grundsätzlich ist es gut. Die konkrete Umsetzung halte ich aber für schwierig, da die Kinder im Klassenzimmer keine Maske tragen. Meine Tochter hat aber gelernt, dass wenn wir beide irgendwo hineingehen, z.B. in den Supermarkt, sie eine Maske tragen muss. Auf einmal zählt es in der Schule nicht mehr. Für die Kinder ist das schwer zu verstehen und nach alledem was man aktuell über die Aerosolübertragung weiß, ergibt dies auch überhaupt keinen Sinn!

Was würdest du ändern, wenn du es könntest?

Warum wird der Unterricht in den warmen Monaten nicht nach draußen verlagert? Dort kann man, mit entsprechendem Abstand, auch ohne Mundschutz unterrichten. Bei unserem Kind ist es nun so, dass sie an ihren Schultagen vier Stunden am Stück im Klassenraum sitzt. Die Pausen werden dort ebenfalls verbracht, damit die unterschiedlichen Klassen nicht vermischt werden. Nun weiß man aber, dass die Aerosole, je länger man sich im Raum bewegt, umso besser verteilt werden – ohne Maske bringen dann auch 1,5 Meter Abstand nichts.

Ein Neurobiologe hat in eurer letzten Doku gesagt, dass Kinder die sozialen Kontakte untereinander benötigen, da sich sonst Zeitfenster für den Erwerb von Sozialkompetenzen unwiederbringlich schließen.
Ganz genau. Auf der einen Seite gibt es Konzepte, die aus Sicht der Kindespsychologen Sinn ergeben. Ich weiß gar nicht, ob es mit reingeschnitten wurde, aber die Psychologin unserer Sendung hat erzählt, dass in ihre Praxis derzeit viele verhaltensauffällige Kinder gebracht werden, die sehr darunter leiden, dass sie keine sozialen Kontakte haben. Auf der anderen Seite sagen aber die Virologen, dass es besser wäre, wenn die Schulen geschlossen bleiben.

Was denkst du?
Dass es möglich sein muss, den Unterricht so abzuhalten, dass alles, was man über die Übertragung des Virus weiß, auch berücksichtigt wird. Warum kann man nicht im Freien unterrichten? Bei Außendreharbeiten nutzen wir z.B. portable Überdachungen, die als Sonnen- und Regenschutz dienen und nicht sehr teuer sind. Die würden auch super für den Unterricht draußen funktionieren. Im Herbst und Winter müsste man sich halt wieder etwas Neues überlegen, je nach Erkenntnisstand, der dann vorherrscht. Es müssen jetzt also Unterrichtsmodelle gefunden werden, die langfristig funktionieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir noch mindestens ein Jahr in dieser Ausnahmesituation sein werden. Daher wundert es mich umso mehr, dass noch keine Konzepte vorgestellt wurden, die langfristig funktionieren.

Glaubst du, dass in der Krise eine Chance zur Förderung der Digitalisierung im Schulsystem verpasst wurde? Die Entwickler für Videokonferenzsoftware erleben gerade goldene Zeiten …
Das Problem mit der Schule via Videokonferenz ist, dass man derzeit noch nicht alle Schüler damit erreichen kann – denke nur an die Familien ohne Computer oder die, bei denen das einzige Gerät von den Eltern im Home Office genutzt werden muss. Aber es gibt auch Alternativen: Unsere Schule hat es meiner Meinung nach nahezu perfekt gelöst. Den Kindern werden in einer App, in welcher sie sich mit einem Code identifizieren mussten, die Hausaufgaben eingestellt. So weiß der Lehrer stets, wer ihm schreibt und wer seine Aufgaben bereits erledigt hat. Diejenigen, die es noch nicht erledigt haben, werden freundlich erinnert – es findet auf jeden Fall eine Kommunikation statt.

Und die Eltern haben einen guten Überblick.
Wenn sie denn reinschauen! (Lacht) Mein Mann und ich hatten gerade in den ersten Wochen ein großes Pensum abzuarbeiten und unsere Tochter ist nicht wirklich allein in die App gegangen … Wir haben sie zwar immer wieder dazu aufgefordert, aber keiner von uns hatte die Zeit stundenlang daneben zu sitzen.

Das hört sich doch super an. Warum meintest du „nahezu“ perfekt?
Jetzt gibt es ein neues Problem: An den drei Tagen in der Woche, in denen unsere Tochter im Home Schooling ist, kann sie ihre Lehrerin nicht mehr erreichen, da diese ja parallel in der Schule den anderen Teil der Klasse unterrichtet. Insofern hat sich die Lernsituation für sie eher verschlechtert.

Auch andere, sehr aktuelle Themen, bewegen und betreffen dich gerade. So wurdest immer wieder Ziel von rassistischen Äußerungen und warst Teil von „Männerwelten“, einem kurzen Film gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt – dies alles während einer Pandemie. Wird es dir nicht manchmal zu viel?
Mich wühlen Ungerechtigkeiten sehr auf. Schon in der Schule habe ich mich immer gerne auf die Seite der Außenseiter geschlagen, wenn diese gemobbt und diskriminiert wurden – da kommt ein regelrechter Kämpfergeist in mir hoch! Umso mehr freute ich mich, als das ZDF auf mich zukam und fragte, ob ich für sie Doku-Themen umsetzen möchte, denn so kann ich auf Ungerechtigkeiten und Themen, die eine gesellschaftliche Relevanz haben, aufmerksam machen.

Und los ging es mit der Doku „No more boys & girls“?
Ja genau, darin haben wir und mit dem Thema Geschlechterstereotype auseinandergesetzt. Das Feedback war enorm. Viele hatten sich zuvor gar keine Gedanken darüber gemacht und Stereotype, z.B. dass Jungs immer stark und Mädchen immer lieb seien müssen, unterbewusst weitergegeben. Nach der Doku begannen sie sich aber damit auseinandersetzen. Ich finde es toll, wenn wir zum nachdenken anregen und etwas verändern können. Manchmal muss man den Finger in die Wunde legen. Gleiches gilt im Übrigen auch für Rassismus, auch da gibt es so etwas wie  unterbewusste Rassismen.

Was meinst du mit „unterbewusstem Rassismus“?
Es gibt eine Studie, in welcher Bewerbungen rausgeschickt wurden, in drei Varianten: Alle Bewerbungen waren identisch in Anschreiben und Lebenslauf, doch die erste Bewerbung kam von einer Frau mit deutschem Namen, die zweite von einer Frau mit türkischem Namen und die dritte von einer Frau mit Kopftuch und türkischem Namen. Was glaubst du, wie die Einladungsquoten waren?

Ich ahne es schon …
Die erste Bewerbung hat die meisten Einladungen erhalten, bei der zweiten wurden es schon deutlich weniger und die dritte Bewerbung erhielt nur zu 4,2 % Einladungen zu Vorstellungsgesprächen – und das bei absolut identischer Bewerbung. Dies ist die Folge von unterbewusstem Rassismus und daher ist es so wichtig, darauf hinzuweisen.

Vielleicht stereotypisiere ich dann auch unbewusst mein Sohn, denn der interessiert sich immer mehr für Jungenzeugs, wie Baumaschinen und Autos. Von mir hat er das nicht! Kann ich noch verhindern, dass er sich irgendwann auch für Fußball interessiert?
(Lacht) Du kannst als Erwachsener sagen und einwirken was du willst und wie du willst, dein Sohn wird sich zunächst an seiner peer group, d.h. den Gleichaltrigen orientieren und wenn die auf Fußball stehen …

Na toll!
Meine Tochter durfte sich zum Beispiel im Laden eine Hose aussuchen und wählte eine Army-Hose, mit der sie dann total stolz in die Schule gegangen ist. Dort wurde sie dann aber wegen der Hose gehänselt „Warum hast du denn eine Jungenhose an!“ und so weiter. Nun traut sie nicht mehr die Hose in der Schule anzuziehen, obwohl sie die eigentlich total toll findet!


INFO
Collien Ulmen-Fernandes
steht bereits seit fast 20 Jahren vor der Kamera. Vor allem nachdem sie mit dem Kinderbuch-Bestseller „Lotti & Otto“ erfolgreich auf Geschlechterstereotypisierung in der Erziehung aufmerksam gemacht hat, möchte sie mit ihren Projekten Ungerechtigkeiten bekämpfen und zum Nachdenken anregen.
Der zweite Teil von „Familien allein zu Haus“ läuft am 18. Juli um 19:30 Uhr auf zdfneo.