Mörder, Kinderschänder, Nazis … Als ich in die Filmographie des Schauspielers Christian Redl blicke, erschrecke ich – düstere und abgründige Rollen hat er gespielt. Doch auch in seinem Privatleben hatte Redl mit Höhen und Tiefen zu kämpfen, die er unlängst mit seinem Album „Sehnsucht“ aufgearbeitet hat. Als der Schauspieler ans Telefon geht, spreche ich mit einem freundlichen und abgeklärten Menschen über Erfahrungen, Lernprozesse und Sehnsüchte. 

AUF LEBENSREISE 


In der Pressemitteilung zu Ihrer neuen CD steht: „Der Mann hat gelebt, gesoffen, gefroren, gehungert, gefressen, geschrien, geliebt, gehasst, der Mann hat gelebt … und fast hat er seine Träume vergessen.“ Das ist schon etwas einschüchternd.
Ja, das hat mich ehrlich gesagt auch etwas erschreckt. (Lacht) Aber es war nun einmal das Leben, das ich gelebt habe und ohne die Zeiten, in denen es mir nicht gut ging, hätte ich diese Platte ja auch gar nicht machen können. 

Diese Zeilen hat Ulrich Tukur verfasst …
Ja, wir kennen uns seit über dreißig Jahren, besuchen uns auch häufig. Als ich ihm die neue Platte vorgespielt habe, gefiel sie ihm so gut, dass er darüber etwas schreiben wollte.

Aber woher kam die Idee zu dem Album „Sehnsucht“? Es ist teils schon sehr schwermütiger Stoff.
Schwermütig ist zu negativ und zu belastend. Ich würde eher sagen: melancholisch. Es ist aus dem Gefühl entstanden, dass ich mich mit bestimmten Dingen, die nicht zu ändern sind, angefreundet habe.

Welche Dinge meinen Sie?
Zum Beispiel habe ich angefangen, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, und aufgehört, mit meiner Vergangenheit zu hadern. Auf der CD erzähle ich es einfach so, wie es sich heute für mich anfühlt. Ich habe mich von meiner Vergangenheit gelöst – sie macht mich nicht mehr wund.

Die Platte ist als autobiographisch?
Im Großen und Ganzen schon. Die Erfahrungen, die Gefühle und Sehnsüchte sind meine eigenen, aber ich habe sie in Geschichten eingebunden. Mit gebrauchten Gefühlen lässt sich ja schwerlich etwas herstellen. Ich habe versucht, Ihnen Substanz zu geben und erlange dadurch, im besten Falle, Glaubwürdigkeit. Ich wünsche mir, dass der Zuhörer sich selbst begegnet.

Inwiefern?
Wenn ich über Sehnsucht nach Geborgenheit in der Kindheit erzähle, dann möchte ich beim Hörer Erinnerungen und Gefühle entstehen lassen, die vielleicht schon in Vergessenheit geraten waren.

Es ist also retrospektiv …
Ja, aber kein Rückblick im Zorn. Man sollte sich so akzeptieren, wie man ist. Ich sehe das Leben als Reise zu mir selbst. Angefangen hat es damit, dass ich gar nicht wusste, wer ich bin. Ich wollte immer irgendwie bedeutend sein und habe viel zu oft den Leuten etwas vorgespielt. Dabei habe ich mir Attitüden und Posen zugelegt … Den Blick der Anderen auf mich wollte ich jederzeit bestimmen können. Im Laufe meines Lebens ging dafür wahnsinnig viel Energie drauf und ich stand dauerhaft im Stress.

Wann endete es?
Irgendwann fand ich die Kraft zu sagen: „Hör auf damit! Sei, wie du wirklich bist. Wenn du etwas nicht kannst oder weißt, musst du das einfach zugeben.“ Das war für mich der Lernprozess, wenn ich von der „Lebensreise“ spreche.

Wie weit sind Sie in diesem Prozess?
Für mich war „Sehnsucht“ ein wichtiger Meilenstein. Ich denke, ich habe mein Ziel erreicht. Das, was ich sagen wollte, habe ich gesagt.

War Ihre bisherige Musik kein Teil dieser Reise?
Bei vorherigen Projekten hatte ich immer das Gefühl, dass zu wenig bewältigt wurde – es fühlt sich immer etwas unfertig und unerfüllt an. Mit „Sehnsucht“ habe ich das, was mir auf dem Herzen liegt, erstmals gültig zum Ausdruck gebracht.

Nun ist das Album fertig. Haben Sie nicht Angst, dass nun eine Leere eintritt und Inhalte für zukünftige Projekte fehlen?
Das weiß ich jetzt nicht, da lasse ich mich überraschen. (Lacht) Picasso hat gesagt: „Ich suche nicht, ich finde.“ So halte ich es auch: Mit falschen Ehrgeiz kann nichts entstehen – auch in der Musik nicht. Das geschieht einfach. Ich habe es auch mich zukommen lassen – und schon fielen mir neue Kompositionen ein.

Die auch sehr schön geworden sind. Ich habe das Album bereits mehrfach gehört.
Mehrfach? Das freut mich. Wirklich! Ich ging davon aus, dass Sie sich die CD einmal anhören und dann das Interview führen – aber „mehrfach“ bedeutet ja, dass Sie da etwas für sich gefunden haben, dass Sie vielleicht öfter hören möchten?

Absolut, ich habe sogar schon ein Lieblingslied.
Ja? Sagen Sie mal!

Ich finde „Gedicht“ sehr schön.
(Lacht) Das finden viele!

Ich mag auch Ihre Francois-Villon-Vertonungen sehr gern.
Das ist ja schon ein bisschen her. Das war noch in den 90er Jahren – so hat das ja alles begonnen. Haben Sie damals eines meiner Konzerte in Hamburg gesehen?

Leider nein. Ich war damals wohl noch zu jung …
Ach, wirklich!? Das ist ja interessant! Wie kamen Sie denn dann auf Villon?

Ich bin ihm durch mein Studium begegnet und habe dann die Kinski-Interpretationen gehört.
Ja, die waren wirklich unvergesslich! Ich habe ihn damals noch gesehen, wie er mit seinen Auftritten einen handfesten Skandal verursacht hat. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. In den 50er/60er Jahren war es alles noch gedämpfter und spießiger. Und dann kam Kinski und hat geschnaubt, getobt und gestöhnt – vor allem gestöhnt! (Lacht)

Spiegelt sich Ihre Vergangenheit auch in der Rollenauswahl wider? Sie haben sehr viele abgründige Rollen gespielt.
Ich bin mit dem „Hammermörder“ schon früh in der Schublade „Bösewicht“ gelandet – diese Rolle hat mich über Jahre geprägt. In der Phantasie der Verantwortlichen war ich immer wieder „der Mann mit der kriminellen Energie“ – der Bösewicht vom Dienst.

Bei den „Spreewaldkrimis“ spielen Sie nun den Kommissar. Ist dies eine Loslösung vom ewigen Bösewicht?
Absolut! Der Kommissar, den ich spiele, ist zwar auch ein melancholischer Einzelgänger, er ist aber auch empathisch: Er interessiert sich für die Menschen und versucht zu begreifen, was sie antreibt.

Wenn Sie ein menschliches Monster wie in „Angst“ spielen, die Rolle war ja furchtbar …
Ja, wirklich gruselig!

… wie schalten Sie dann nach einem Drehtag ab? Nehmen Sie nichts von der Rolle mit nach Hause?
Diese Frage muss ich häufig beantworten. Es gibt Kollegen, die sagen: „Die Rolle war so schwierig, das hat mich so viel Kraft gekostet … Ich habe Wochen gebraucht, sie wieder gänzlich abzulegen.“ (Lacht) Ich kann nur für mich sprechen, aber ich kann meine Rollen an- und ausknipsen. Für mich ist es nur ein Beruf und ich mache da nicht viel Gedöns drum.

Eine erfrischende Sichtweise.
Aber es ist doch so! Ich bin niemals die Rolle selbst. Es ist immer nur ein „so tun als ob“. Außerdem stehen am Set immer dreißig bis fünfzig Leute rum – man spielt somit in der Öffentlichkeit. Umso mehr sollte man versuchen, die Rolle mit möglichst viel eigenem Potential, mit Substanz und Erfahrung zu gestalten.